Warum dein Studium dich schlecht auf den Arbeitsalltag vorbereitet hat
Und warum das kein persönliches Versagen ist
Der Moment kommt oft früher als gedacht. Man sitzt im ersten Job, manchmal schon im ersten Praktikum, und merkt: Irgendetwas passt hier nicht. Die Aufgaben wirken banal oder widersprüchlich. Entscheidungen erscheinen willkürlich. Leistung fühlt sich schwer greifbar an. Und vor allem fehlt dieses klare Gefühl von Fortschritt, das das Studium jahrelang vermittelt hat.
Viele reagieren darauf mit Selbstzweifeln. War das Studium zu theoretisch? Habe ich die falschen Schwerpunkte gewählt? Bin ich weniger belastbar als andere? Diese Fragen sind verständlich, aber sie führen in die falsche Richtung. Denn das Problem liegt nicht in mangelnder Eignung, sondern in einem strukturellen Bruch zwischen zwei Systemen, die nach völlig unterschiedlichen Regeln funktionieren.
Das Studium ist darauf ausgelegt, individuelles Denken und individuelle Leistung sichtbar zu machen. Aufgaben sind klar definiert, Anforderungen explizit formuliert, Bewertungen regelmäßig und vergleichsweise transparent. Wer sich anstrengt, analytisch denkt und Erwartungen erfüllt, wird belohnt. Dieses System ist nicht perfekt, aber es ist konsistent.
Der Arbeitsalltag funktioniert anders. Ziele sind oft mehrdeutig oder verändern sich unterwegs. Erfolg entsteht selten allein, sondern fast immer im Zusammenspiel mit anderen. Leistung wird nicht kontinuierlich gemessen, sondern implizit bewertet. Rückmeldung erfolgt häufig nur dann, wenn etwas schiefgeht. Vieles, was zählt, steht nirgends geschrieben.
Organisationspsychologische Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass Arbeitsleistung kein reines Ergebnis individueller Kompetenz ist. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Rolle, Team, Führung, Ressourcen und organisationalen Rahmenbedingungen. Zwei gleich kompetente Personen können in unterschiedlichen Kontexten völlig unterschiedlich erfolgreich sein. Diese Abhängigkeit vom System wird im Studium kaum erfahrbar gemacht.
Hinzu kommt ein weiterer, oft unterschätzter Unterschied: Wissen verliert im Arbeitsalltag an Sichtbarkeit. Nicht, weil es irrelevant wäre, sondern weil es selten ausreicht. Im Studium genügt es, recht zu haben. Im Job reicht das oft nicht. Ideen müssen anschlussfähig sein, zum richtigen Zeitpunkt kommen, von den richtigen Personen getragen werden. Gute Vorschläge scheitern weniger an ihrer Qualität als an organisationalen Realitäten.
Für viele Absolventen ist das irritierend. Jahrelang war Kompetenz der zentrale Hebel für Erfolg. Plötzlich scheint sie nur noch eine notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung zu sein. Das fühlt sich ungerecht an, ist aber keine neue Entwicklung. Organisationen sind soziale Systeme, keine Prüfungsordnungen.
Besonders deutlich wird dieser Bruch beim Thema Zusammenarbeit. Im Studium sind Gruppenarbeiten zeitlich begrenzt, Konflikte folgen seltenen und meist folgenlosen Begegnungen, Abhängigkeiten sind überschaubar. Im Job ist Zusammenarbeit dauerhaft. Man kann sich Kollegen nicht aussuchen, Konflikte wirken langfristig, Abhängigkeiten sind strukturell eingebaut. Wer hier keine Orientierung findet, fühlt sich schnell überfordert, auch wenn die fachliche Leistung stimmt.
Ein weiterer häufiger Schock ist das plötzliche Schweigen. Feedback, das im Studium regelmäßig und formell erfolgt, wird im Job zur Ausnahme. Viele Berufseinsteiger interpretieren fehlende Rückmeldung als stilles Urteil über ihre Leistung. Psychologische Studien zeigen jedoch, dass fehlendes Feedback vor allem Unsicherheit erzeugt, nicht Klarheit. In vielen Organisationen ist Schweigen kein Zeichen von Zufriedenheit oder Unzufriedenheit, sondern schlicht Normalzustand.
All das führt dazu, dass sich der Einstieg oft persönlicher anfühlt, als er ist. Zweifel werden internalisiert, obwohl sie strukturell bedingt sind. Dabei erfüllt das Studium genau das, was es soll: Es vermittelt Wissen, fördert analytisches Denken und zertifiziert formale Qualifikation. Es ist nicht dafür gebaut, organisationale Machtverhältnisse, implizite Spielregeln oder politische Dynamiken abzubilden.
Dass sich der Übergang holprig anfühlt, ist daher kein Zeichen mangelnder Belastbarkeit oder falscher Entscheidungen. Es ist die logische Folge eines Systemwechsels, für den es kaum Vorbereitung gibt.
Was hilft in dieser Phase, ist weniger Selbstoptimierung als Perspektivwechsel. Der erste Job ist selten der richtige, aber oft der lehrreichste. Viele Frustrationen lassen sich besser verstehen, wenn man sie nicht sofort personalisiert. Die wichtigste Fähigkeit am Anfang ist nicht maximale Leistung, sondern Beobachtung. Wer versteht, wie Entscheidungen tatsächlich entstehen, kann sich später gezielter positionieren.
Und schließlich lohnt es sich, das Thema Passung ernst zu nehmen. Wenn sich etwas dauerhaft falsch anfühlt, liegt das oft nicht an mangelnder Disziplin oder Motivation, sondern an schlechtem Matching. Das gilt für Unternehmen genauso wie für Berufseinsteiger.
Das Studium hat dich nicht schlecht vorbereitet, weil es schlecht war. Es hat dich schlecht vorbereitet, weil es etwas anderes leisten sollte. Der Arbeitsalltag folgt anderen Regeln. Wer das erkennt, hört auf, sich selbst infrage zu stellen, und beginnt, die richtigen Fragen zu stellen.
Nicht du bist kaputt. Das System ist anders.
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