Warum gute Interviews systematisch zu schlechten Einstellungen führen
Ein unterschätzter Mechanismus im Recruiting und was die Forschung darüber zeigt
Einleitung: Das trügerische Gefühl von Sicherheit
Viele Hiring-Entscheidungen fühlen sich richtig an. Das Interview war gut, die Chemie hat gestimmt, der Lebenslauf ist überzeugend. Trotzdem scheitert ein erheblicher Teil dieser Einstellungen innerhalb der ersten zwei Jahre.
Dieses Scheitern wird häufig als Pech oder Einzelfall interpretiert. Die Forschung zeigt jedoch etwas anderes: Das Problem liegt nicht in der Qualität der Kandidaten, sondern in der Art, wie Menschen im Recruiting Entscheidungen treffen.
Der zentrale, wenig bekannte Befund lautet:Je sicherer sich Entscheider nach Interviews fühlen, desto schlechter ist oft die tatsächliche Prognose.
Der blinde Fleck im Recruiting: Entscheidungssicherheit
In der Entscheidungspsychologie gilt ein robuster Befund: Menschen verwechseln subjektive Sicherheit mit objektiver Richtigkeit.
Interviews erzeugen genau diese Sicherheit
- ✓direkte soziale Interaktion
- ✓kohärente Erzählungen im Lebenslauf
- ✓sichtbare Kompetenz im Gespräch
Das Ergebnis ist ein starkes Gefühl von Kontrolle. Dieses Gefühl ist jedoch kein valider Indikator für zukünftige Leistung.
Was Forschung über Interviews wirklich zeigt
Prognosevalidität vs. Entscheidungskomfort
Fragestellung: Wie gut sagen Interviews spätere Arbeitsleistung vorher?Methodik: Meta-Analysen mit tausenden Auswahlverfahren, Vergleich von Interviewurteilen mit objektiven Leistungsdaten.Ergebnis:Unstrukturierte Interviews zeigen eine geringe prognostische Validität. Strukturierte Interviews sind besser, bleiben aber hinter Tests, Arbeitsproben und kognitiven Verfahren zurück.
Der entscheidende Punkt:Interviews sind nicht deshalb beliebt, weil sie gut vorhersagen, sondern weil sie sich gut anfühlen.
Warum das problematisch ist
Je stärker ein Verfahren subjektive Sicherheit erzeugt, desto weniger sind Entscheider bereit, gegenteilige Evidenz zu akzeptieren. Warnsignale aus Daten oder Tests werden übergangen, weil das Bauchgefühl überzeugt.
Das wenig bekannte Phänomen: Overconfidence Bias im Recruiting
Overconfidence Bias beschreibt die systematische Überschätzung der eigenen Urteilsfähigkeit.
Im Recruiting zeigt sich dieser Bias besonders stark
- ✓Entscheider überschätzen ihre Menschenkenntnis
- ✓sie erinnern sich stärker an erfolgreiche Einstellungen
- ✓Fehlbesetzungen werden externalisiert
Studien zeigen:Recruiter und Führungskräfte sind im Durchschnitt deutlich schlechter darin, ihre eigene Prognosequalität einzuschätzen, als sie glauben.
Das Aha-Moment:Je erfahrener Entscheider sind, desto stärker ist dieser Effekt oft ausgeprägt.
Warum Interviews trotz besserer Alternativen dominieren
Die Forschung nennt drei Gründe
- ✓Narrative KohärenzInterviews erzeugen Geschichten. Geschichten sind für das Gehirn überzeugender als Wahrscheinlichkeiten.
- ✓Soziale RechtfertigungInterviewentscheidungen lassen sich intern leichter erklären als statistische Modelle.
- ✓Illusion von KontrolleDirekter Kontakt vermittelt das Gefühl, den Menschen „wirklich“ zu kennen.
Keiner dieser Gründe hat mit Prognosequalität zu tun.
Der unbekannte Kostenfaktor: Fehlentschiedenes Vertrauen
Ein unterschätzter Aspekt ist, dass falsche Sicherheit Folgeentscheidungen beeinflusst
- ✓kritische Einarbeitungsphase wird verkürzt
- ✓Leistungsprobleme werden später erkannt
- ✓Führungskräfte investieren weniger in Unterstützung
Damit verstärkt sich die ursprüngliche Fehlentscheidung selbst.
Was evidenzbasierte Systeme anders machen
Trennung von Bewertung und Entscheidung
Gute Systeme trennen Datenerhebung von finaler Entscheidung. Sie reduzieren den Einfluss subjektiver Eindrücke.
Fokus auf Varianz statt Eindruck
Arbeitsproben, Tests und strukturierte Verfahren erfassen Unterschiede, die im Interview unsichtbar bleiben.
Akzeptanz von Unsicherheit
Evidenzbasierte Ansätze akzeptieren, dass Entscheidungen probabilistisch sind. Sie versprechen keine Sicherheit, sondern bessere Durchschnittsergebnisse.
Konkrete Implikationen für Unternehmen
- ✓Interviews nicht abschaffen, sondern entmachten
- ✓Entscheidungssicherheit nicht mit Entscheidungsqualität verwechseln
- ✓Strukturierten Verfahren mehr Gewicht geben als persönlichem Eindruck
- ✓Performance-Daten systematisch zurück in den Auswahlprozess spielen
Das eigentliche Risiko im Recruiting ist nicht mangelnde Information, sondern falsches Vertrauen in die eigene Urteilskraft.
Interviews erzeugen Sicherheit, aber keine verlässlichen Prognosen. Unternehmen, die diesen Unterschied verstehen, treffen nicht perfekte, aber signifikant bessere Entscheidungen.
Das Aha:Nicht der Kandidat täuscht, sondern das Verfahren.
Weiterführende Quellen
Highhouse, S. (2008).Stubborn reliance on intuition and subjectivity in employee selection. Industrial and Organizational Psychology, 1(3), 333–342.https://doi.org/10.1111/j.1754-9434.2008.00058.x
Kahneman, D., & Klein, G. (2009).Conditions for intuitive expertise: A failure to disagree. American Psychologist, 64(6), 515–526.https://doi.org/10.1037/a0016755
Schmidt, F. L., & Hunter, J. E. (1998).The validity and utility of selection methods in personnel psychology. Psychological Bulletin, 124(2), 262–274.https://doi.org/10.1037/0033-2909.124.2.262
Tetlock, P. E., & Gardner, D. (2015).Superforecasting: The art and science of prediction. Crown Publishing.
Bereit für den nächsten Schritt?
Sichere dir deinen Beta-Zugang und finde Talente, die zu eurem Team passen.
Beta-Zugang sichern →