Für Unternehmen4 Min. Lesezeit20. Januar 2026

Gen Z am Arbeitsmarkt: Warum viele Annahmen falsch sind

Was Forschung über Werte, Motivation und Verhalten wirklich zeigt

Einleitung: Viel Meinung, wenig Evidenz

Kaum eine Generation wird im Recruiting derzeit so intensiv diskutiert wie die sogenannte Gen Z. Ihr werden geringe Loyalität, überzogene Erwartungen, geringe Belastbarkeit und ein radikal veränderter Arbeitsbegriff zugeschrieben.

Diese Narrative prägen Employer Branding, Recruiting-Strategien und Interviewfragen. Das Problem: Ein Großteil dieser Annahmen basiert auf Medienberichten, Einzelbeobachtungen und Projektionen älterer Generationen, nicht auf belastbarer Forschung.

Dieser Artikel zeigt, was empirische Studien über die Gen Z tatsächlich sagen und was Unternehmen daraus ableiten sollten.

Wer ist die Gen Z aus wissenschaftlicher Sicht?

In der Forschung wird die Gen Z meist als Geburtsjahrgänge ab Mitte der 1990er bis etwa 2010 definiert. Entscheidend ist jedoch weniger das Alter als der sozioökonomische Kontext, in dem diese Kohorte sozialisiert wurde.

Zentrale Rahmenbedingungen

  • Aufwachsen nach der Finanzkrise
  • hohe Bildungsbeteiligung bei gleichzeitig unsicheren Karrierepfaden
  • frühe Konfrontation mit Digitalisierung und sozialer Vergleichbarkeit
  • steigende Wohnkosten und stagnierende Reallöhne

Diese Faktoren prägen Einstellungen zur Arbeit stärker als „Generationenmentalität“.

Mythos 1: Die Gen Z ist weniger leistungsbereit

Ein häufiges Narrativ lautet, die Gen Z sei weniger leistungsorientiert und weniger belastbar als frühere Generationen.

Was die Forschung zeigt

Große Metaanalysen zu Arbeitsmotivation und Leistungsorientierung zeigen keine systematischen Unterschiede zwischen Generationen. Unterschiede innerhalb einer Generation sind deutlich größer als Unterschiede zwischen Generationen.

Was sich verändert hat, ist nicht die Leistungsbereitschaft, sondern die Bewertung von Aufwand und Ertrag. Die Gen Z ist weniger bereit, langfristige Überstunden, Unsicherheit oder schlechte Führung als notwendige Durchgangsphase zu akzeptieren.

Aha-Moment:Die Gen Z arbeitet nicht weniger, sie akzeptiert schlechtere Arbeitsbedingungen weniger selbstverständlich.

Mythos 2: Die Gen Z ist illoyal

Häufig wird hohe Wechselbereitschaft als Beleg für mangelnde Loyalität interpretiert.

Was Studien zeigen

Längsschnittstudien zur Fluktuation belegen, dass frühe Jobwechsel stark mit Passungsproblemen, befristeten Verträgen und fehlender Entwicklung zusammenhängen. Diese Faktoren betreffen die Gen Z überdurchschnittlich häufig, weil sie am Anfang ihrer Laufbahn steht.

Historisch betrachtet haben frühere Generationen in vergleichbaren Lebensphasen ähnlich häufig gewechselt. Der Unterschied liegt darin, dass Wechsel heute sichtbarer und sozial akzeptierter sind.

Aha-Moment:Hohe Wechselbereitschaft ist kein Generationenmerkmal, sondern ein Karrierestadiumseffekt.

Mythos 3: Sinn ist der wichtigste Treiber

"Purpose“ gilt als zentrales Schlagwort im Umgang mit der Gen Z."

Was die Forschung differenziert

Studien zeigen, dass Sinnhaftigkeit wichtig ist, aber nicht isoliert wirkt. Sie entfaltet ihre Wirkung nur, wenn grundlegende Faktoren erfüllt sind

  • faire Bezahlung
  • Entwicklungsmöglichkeiten
  • verlässliche Führung
  • psychologische Sicherheit

Ohne diese Basis verliert auch der sinnvollste Unternehmenszweck seine Bindungswirkung.

Aha-Moment:Sinn ersetzt keine schlechten Arbeitsbedingungen.

Was sich tatsächlich unterscheidet

Höhere Sensibilität für Passung

Die Gen Z achtet stärker auf Übereinstimmung zwischen eigenen Werten, Arbeitsstil und Organisationskultur. Diese Sensibilität ist nicht idealistisch, sondern rational. Fehlentscheidungen sind am Karriereanfang besonders kostspielig.

Geringere Toleranz für Intransparenz

Intransparente Prozesse, unklare Entwicklungspfade oder widersprüchliche Kommunikation werden schneller als Warnsignale interpretiert.

Andere Erwartung an Feedback

Die Gen Z erwartet häufiger Rückmeldung, nicht weil sie unselbstständig ist, sondern weil sie in hochfrequenten Feedbackumgebungen sozialisiert wurde.

Warum Unternehmen Gen Z oft falsch lesen

Viele Organisationen interpretieren verändertes Verhalten normativ statt strukturell. Verhalten wird als Haltung gedeutet, obwohl es oft eine rationale Anpassung an veränderte Arbeitsmarktbedingungen ist.

Hinzu kommt ein Selektionsbias: HR erlebt vor allem die Fälle, in denen es nicht passt. Erfolgreiche, stabile Einstiege sind weniger sichtbar.

Implikationen für Recruiting und HR

  • Weniger Generationenklischees, mehr PassungsdiagnostikAlter ist ein schlechter Proxy für Motivation oder Leistung.
  • Realistische Job-Previews statt Hochglanz-Employer-BrandingEnttäuschte Erwartungen sind ein zentraler Treiber früher Fluktuation.
  • Frühe Entwicklungslogiken transparent machenUnklarheit ist für die Gen Z ein stärkerer Kündigungsgrund als Arbeitslast.
  • Matching vor Überzeugung
  • Nicht versuchen, Kandidaten zu bekehren, sondern prüfen, ob es wirklich passt.

Die Gen Z ist weder radikal anders noch problematisch. Sie reagiert rational auf einen Arbeitsmarkt, der unsicherer, transparenter und vergleichbarer geworden ist.

Unternehmen, die Generationenmythen durch evidenzbasierte Passungslogik ersetzen, gewinnen nicht nur junge Talente, sondern treffen insgesamt bessere Recruiting-Entscheidungen.

Der eigentliche Trend ist nicht die Gen Z, sondern der Verlust der Deutungshoheit klassischer Arbeitgeber.

Weiterführende Quellen

Costanza, D. P., Badger, J. M., Fraser, R. L., Severt, J. B., & Gade, P. A. (2012).Generational differences in work-related attitudes: A meta-analysis. Journal of Business and Psychology, 27(4), 375–394.https://doi.org/10.1007/s10869-012-9259-4

Rudolph, C. W., Rauvola, R. S., & Zacher, H. (2020).Leadership and generations at work: A critical review. The Leadership Quarterly, 31(1), 101378.https://doi.org/10.1016/j.leaqua.2019.101378

Twenge, J. M., Campbell, S. M., Hoffman, B. J., & Lance, C. E. (2010).Generational differences in work values: Leisure and extrinsic values increasing, social and intrinsic values decreasing. Journal of Management, 36(5), 1117–1142.https://doi.org/10.1177/0149206309352246

Ng, T. W. H., & Gossett, C. W. (2013).Career choice in Canadian public service: An exploration of fit with the millennial generation. Public Personnel Management, 42(3), 337–358.https://doi.org/10.1177/0091026013495767

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